Stark sein im Business
Wie Sie der Held in Ihrer Geschichte werden
Erinnern Sie sich noch, wie Sie „Cowboy und Indianer“ gespielt haben? Oder „Prinz und Prinzessin“? Das dürfte einige Zeit her sein, wahrscheinlich waren Sie noch ein Kind. Als Kind haben Sie Geschichten gespielt, sind eingetaucht in Abenteuer, vielleicht in fremde Länder gereist, um etwas Schönes, Neues, Wildes zu erleben. Um Gefahren zu bestehen. Etwas zu erobern.
Und Sie haben es genossen. Sie haben Erlebnisse ausgekostet, die anders waren als der normale Alltag. Sie waren Held in einer Geschichte – Ihrer Geschichte.
Sich lebendig fühlen –
ohne nachzudenken
Jeder von uns kennt dieses Gefühl, lebendig zu sein. Die eigenen Kräfte zu spüren, ganz in ihnen zu sein, unmittelbar das Leben zu fühlen und völlig in ihm aufzugehen. Das Gefühl „So ist es gut, und so könnte es ewig weitergehen.“ Ein Kind hat noch diesen ursprünglichen Zugang zu sich und der Welt. Es spürt die vielen Möglichkeiten, sieht die vielen Wege und ist neugierig darauf, was da kommt. Dieses unmittelbare Erleben hat, das weiß man heute aus der Hirnforschung, damit zu tun, dass noch nicht so viele Schlussfolgerungen in das Kognitive, den Verstand, eingelagert wurden und immer festere Strukturen, Muster im Denken gebildet haben. Je älter ein Mensch wird, desto mehr dieser Strukturen hat er gebildet, ob förderlich oder abträglich. Er hat Grundüberzeugungen gebildet, die sein ganzes Leben beeinflussen. Die Strukturen können Lebendigkeit, Frischem, Neuem im Weg stehen.
Doch das Schöne ist: Diese festen Strukturen lassen sich aufweichen. Wenn ich wieder wie ein Kind der Held in meiner Geschichte werden will, kann ich das tun. Dazu muss ich herausfinden, wer ich bin und um welche Geschichte es sich handelt.
Wer bin ich?
Ich kann mich selber besser kennenlernen, indem ich mich im Hinblick auf verschiedene Aspekte neugierig betrachte (und andere Menschen befrage):
• Wie denke ich? Wie fühle ich?
• Wie verhalte ich mich in welcher Situation?
• Was ist mir wichtig? Was kann ich gut? Was mag ich gern?
• Wie funktioniert mein Körper – wann fühlt er sich wohl, wann nicht? Wie gehe ich mit mir selbst um?
• Wie ist meine Beziehung zu anderen Menschen?
• Wie ist meine Beziehung zu dem, was um mich herum ist – die Natur, mein Besitz?
• Wie ist meine Haltung zu dem, was größer ist als mein Verstand – zu Gott?
• Was hat mich in meiner Vergangenheit geprägt?
• Was will ich in meinem Leben verwirklicht sehen?
• Wo will ich hin – in den nächsten Jahren, bis zu meinem Lebensende?
Reflexion:
Wenn Sie mögen, sinnen Sie den Fragen nach, die Ihnen am wichtigsten sind. Vielleicht möchten Sie sich dazu Notizen machen. Was fällt Ihnen spontan ein? Wo möchten Sie tiefer graben, vielleicht regelmäßig?
Diese Reflexion kann ein guter Anfang sein, sich selbst besser zu verstehen.
Der Held in einer Geschichte tut gut daran zu wissen, wer er ist.
Was ist die Geschichte?
„In welche Geschichte sind wir hinein geraten?“, fragen sich der Hobbit Frodo und die anderen Helden in Tolkiens Roman „Der Herr der Ringe“. Ihre Abenteuerreise hat das Ziel, den Ring der bösen Macht zu vernichten. Sie haben einen Auftrag, eine Bestimmung in ihrem Leben, die an sie herangetragen wird. Der sie sich öffnen und in die sie einwilligen. Sie empfinden, dass diese Geschichte zu ihrem Leben passt und entscheiden sich, ihre einzigartige Rolle darin einzunehmen. Sie identifizieren sich mit dem Weg, der für sie vorgezeichnet ist, und gehen ihn. Trotz vieler Herausforderungen und Schwierigkeiten, bis hin zur Bedrohung ihres Lebens, bleiben sie auf diesem Weg und folgen ihrem Auftrag. Frodo und seine Gefährten wollen es. Tun es. Und teilen die Erfahrung und die Freude über ihr Gelingen miteinander und mit anderen.
Ganz normale Helden
Zunächst einmal gibt es einiges, was einen normalen Helden von Superman & Co. unterscheidet: Er ist nicht übermenschlich, sondern den Gesetzen des Lebens unterworfen. Er kann unterliegen, leiden, scheitern, über lange Zeiten erfolglos sein, krank werden und sterben.
Abraham Lincoln hatte als Sohn armer Eltern einen Traum. Er wollte Menschen dienen, in einem größeren Maß als nur als Holzfäller. Mit 22 Jahren hatte er nur ein Jahr Schulbildung, aber er besorgte sich Bücher, die er abends studierte. Mit 27, nachdem er sich mit Jobs in einer Mühle, auf einer Mississippi-Fähre, bei der Post und als Landarbeiter ernährt hatte, bestand er schließlich sein Anwaltsexamen. Er eröffnete eine Kanzlei und machte Konkurs. 16 Jahre lang bezahlte er seine Schulden ab. Das Mädchen, in das er verliebt war, löste die Verlobung und brach ihm das Herz. Mit 33 Jahren heiratete er eine willensstarke Frau, die Ehe war schwierig. Drei seiner Söhne starben noch als Kinder. Lincoln kandidierte mehrfach für das Parlament seines Bundesstaates und der USA, verlor aber wiederholt. Nach erfolglosen Kandidaturen als Vizepräsident und Senator gewann er schließlich mit 51 Jahren die Wahl zum Präsidenten und blieb es für zwei Amtszeiten. Drei, vier Jahrzehnte nach seinem Traum, der Öffentlichkeit zu dienen, konnte er maßgeblich Einfluss nehmen und so die Sklaverei abschaffen. Fehlschläge hatten ihn nicht erschüttern können, er versuchte es immer wieder aufs Neue. Weil er an seiner eigenen Geschichte dranblieb, änderte er den Lauf der Geschichte seines Landes und der ganzen Welt.
Reflexion:
An dieser Stelle lade ich Sie wieder zum Nachsinnen über einige Fragen ein, am besten mit Papier und Stift.
• Was ist Ihre Geschichte, in die Sie „hinein geraten“ sind?
• Was empfinden Sie als Ihr großes Abenteuer im Leben, das Sie bestehen sollen?
• Auf welche Reise wollen Sie gehen?
• Welchen Traum gibt es in Ihrem Leben, der Sie erfüllt und der anderen Menschen dient?
• Wo sehen Sie jetzt schon kleine Anfänge, Vorboten für diesen Traum?
• Mit wem zusammen sind Sie unterwegs?
Was einen Helden auszeichnet
Sie sind wahrscheinlich nicht Präsident eines Landes und werden es wohl auch nicht werden. Aber Sie haben Ihre ureigene Geschichte. Vielleicht sind Sie Führungskraft in einem Unternehmen in Industrie oder Handwerk, vielleicht gehört es Ihnen sogar. Vielleicht sind Sie freiberuflich tätig als Beraterin neben Ihrer Arbeit in der Familie. Es gab Umstände, aber auch Ihre eigenen Entscheidungen, die Sie in Ihren jetzigen Beruf geführt haben. Sie fühlen sich mehr oder weniger wohl damit. Ihre Wünsche und Träume sind zu einem bestimmten Maß in Ihre berufliche Tätigkeit hinein geflossen. Oder sollen sie es zumindest ab jetzt?
Einen Helden, eine Heldin zeichnet Folgendes aus:
1. Er öffnet sich für Neues.
2. Er trifft die Entscheidungen.
3. Er will etwas Größeres erlangen.
4. Er gibt nicht auf.
5. Er feiert und teilt mit anderen den Erfolg.
1. Ein Held öffnet sich für Neues.
Wer immer in den gleichen Bahnen bleibt, wird auch keinen neuen Weg entdecken. Wer immer dasselbe tut, wird keine Veränderung erleben. Dem, der lernwillig und offen ist, öffnen sich neue Möglichkeiten. Und er kann die Geschichte entdecken, in die er gestellt ist.
2. Ein Held trifft die Entscheidungen.
Einen Helden erkennt man daran, dass er entscheidet. Er geht damit mutige Schritte und trotzt Widrigkeiten. Er kennt das Ziel und geht kontinuierlich darauf zu. Er lässt sich auf der einen Seite nicht beirren und vom Weg abbringen. Und er reagiert auf der anderen Seite flexibel auf die Umstände, in denen er sich befindet.
3. Ein Held will etwas Größeres erlangen.
Das Alltägliche kann uns völlig vereinnahmen, alle unsere Kräfte binden. Wenn wir das ergreifen, was in uns als Tiefstes, als unsere ureigene Geschichte angelegt ist, werden wir über uns hinauswachsen können. Wir können etwas erreichen und umsetzen, das größer ist als wir selbst. Und das doch zu uns passt.
4. Ein Held gibt nicht auf.
Das war der Kern von Winston Churchills letzter Rede, er hielt sie vor Schülern: „Gib nie auf – nie, nie, nie, nie, nie.“ Ausdauer und Geduld sind die größten Erfolgsfaktoren im Business- wie im Privatleben. Wer an dem, was er erlangen will, festhält, egal was sich ihm entgegenstellt und wie lange es dauert, der wird seinem Ziel immer näher kommen.
5. Ein Held feiert und teilt mit anderen den Erfolg.
Wenn das Ziel erreicht ist, die Mission glücklich beendet, der Erfolg da, dann wird der Held mit seinen Gefährten das feiern. Er wird mit anderen teilen, was er auf seiner Reise erlebt und wie sie ihn verändert hat. Das erst gibt seiner Reise den vollen Wert.
Keine Anstrengung ohne Ressourcen
Jede Abenteuerreise, jeder Auftrag bedeutet auch Schmerz, Verlust und Kampf. Sie fordert und ist anstrengend. Es gibt beglückende Momente, aber vielleicht die meiste Zeit ist nur Durchhalten gefragt, Aushalten von Perioden, in denen sich scheinbar nichts oder nur wenig tut. Damit das gelingt, sind Ressourcen notwendig, Kraftquellen. Zum Teil kommen sie von außen, zum Teil aus dem Inneren des Helden.
Wichtige innere Ressourcen sind:
1. Zeit
Dass ich mir Zeit nehme, ist die Voraussetzung, um als Held meine Reise anzutreten und zu vollenden. Genau dieser Punkt ist aber der am meisten umkämpfte in unserer heutigen Welt. Jeder will unsere Aufmerksamkeit und unsere Zeit. Bei der Werbung und der Forderung nach permanenter Erreichbarkeit wird dies am deutlichsten. Umso wichtiger ist, dass ich selbst über meine Zeit bestimme und auch darüber, wie ich sie verbringe. Wenn ich nicht meine gesamte Zeit verplane und ausfülle, kann ich mich mir selbst widmen und mich besser kennenlernen. Ich kann Termine mit mir selbst planen, die zunächst vielleicht sogar völlig zweckfreie Zeit beinhalten und mich dadurch zur Ruhe und zu mir selbst bringen. Das ist möglicherweise sogar der wichtigste erste Schritt: einfach einmal gar nichts tun, das Denken ruhen lassen. Schauen, was gerade ist. Mich einfach nur spüren – absichtslos wie ein Kind beim Spielen. Sie werden staunen, was dabei herauskommen kann.
2. Mut
Mut ist, wenn ich um Risiken weiß und trotzdem handle. Mut ist, wenn ich Angst habe und trotzdem weitergehe. Mut ist, wenn ich Veränderungen akzeptiere, ohne genau zu wissen, was kommt. Mut ist, wenn ich Dinge anders als alle anderen mache, weil ich davon überzeugt bin. Mut ist, wenn ich etwas tue, obwohl ich mir damit Spott und Hohn einhandle. Mut ist, wenn ich meine Mission verfolge, gegen alle Widerstände, die mich zweifeln und verzweifeln lassen. Frodo und seine Gefährten waren auf ihrer Heldenreise vielen Gefahren ausgesetzt – Angriffen von feindlichen Wesen, schwierigem Gelände, sie hatten nichts zu essen und zu trinken, sie stritten miteinander. Ohne den Mut, sich diesen Schwierigkeiten zu stellen, hätten sie den Auftrag nicht vollenden können. Und dafür mussten sie sich in jedem Moment wieder neu entscheiden.
3. Weisheit
Mut allein kann auch ins Verderben stürzen. Ein Held braucht Weisheit, um abzuschätzen, was in einer Situation dran ist: weitergehen oder sich zurückziehen, kämpfen oder schlichten, einen Plan verfolgen oder verändern oder ganz aufgeben ... Weisheit ist Wissen und Erfahrung gepaart mit Wertschätzung und Demut. Ein weiser Held schöpft aus seinem Wissens- und Erlebensfundus, bleibt lernbereit und ist von Prinzipien geleitet, die das Leben fördern. Er kann gelassen bleiben, wenn alles schiefzulaufen droht, weil er sich seiner eigenen Begrenztheit bewusst ist. Und kann dann weiterreisen im Schauen auf den, der über allem steht. Diese drei wichtigen Ressourcen können Sie in Ihr Business fließen lassen, ob Sie eine Firma führen oder angestellt sind, ob Sie Schrauben herstellen oder im sozialen Bereich tätig sind. Überall, wo Sie sind, können Sie Ihre Geschichte leben – so gut, wie Sie können. Und wie nur Sie es können. Jeder Beruf, jedes Unternehmen ist zunächst einmal dafür da, anderen Menschen zu dienen. Ihnen etwas zu geben, das sie brauchen – Brot, Werkzeug, gute Laune, Gesundheit, eine Mahlzeit, Wissen, einen freien Abfluss, seelische Hilfe – Sie haben Ihren Beruf wahrscheinlich gewählt, weil sich darin ein Interesse und ein Wunsch ausdrückt. Schon hier beginnt Ihre Geschichte.
Reflexion:
Ich lade Sie ein, konkret anzufangen – nehmen Sie sich die Zeit für einige der folgenden Fragen:
• Welchen Ressourcen möchte ich mehr Raum geben in meinem Beruf? Welchen im Privatleben?
• Wie kann ich die Ressource Zeit für mich sinnvoller nutzen?
• Wo will ich mutiger sein? Wie kann ich damit anfangen?
• Wie schätze ich mich in Bezug auf Weisheit ein?
• Was heißt das praktisch für meinen Beruf? Für mich privat?
• Wie könnte eine übergeordnete, „große“ Geschichte für mich aussehen?
• Was brauche ich, um ihr näherzukommen und sie zu leben?
Das wirklich Große
Die Hobbits in „Der Herr der Ringe“ fragen sich, in welche Geschichte sie hineingeraten sind. Und natürlich stellt sich die Frage, wer sich diese Geschichte überhaupt ausgedacht hat. Wer ist der Autor der Heldenreise? Wer hat sie ersonnen – mitsamt den handelnden Personen, vor allem den Helden und den Gegnern; mit dem Wunsch, dem Bedürfnis, der Sehnsucht der Helden; den Schwierigkeiten und Gefahren; den plötzlichen Wendungen der Geschichte und dem – glücklichen – Ende? Eins steht fest: Er muss außerhalb der Geschichte existieren. Der große Kreative, der Schöpfer ist nicht der Geschichte unterworfen, sondern hat sie gemacht. Das kann alles in eine andere Perspektive rücken. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihrem Berufsleben, aber auch sich als Person eine neue Perspektive gönnen. Wie können Sie die Lebendigkeit eines Kindes wieder spüren? Wie können Sie Ihrer Geschichte auf die Spur kommen und Ihre Rolle als Held darin einnehmen? Und wer kann Sie bei Ihrer Mission unterstützen? Werden Sie stark im Business. Werden Sie der Held in Ihrer eigenen Geschichte. Gönnen Sie sich ein abenteuerliches, wildes, sinnvolles, lohnendes, erfülltes Leben.
Autorin: Karin Dölla-Höhfeld
